SEOL CHEONG KWON

Seol Cheong Kwon

It will Come to You

08. Dezember 2017 – 07. Januar 2018

 

 

Reproduktion als Ausdruck des Selbst

 

Die Arbeiten von Seol Cheong Kwon (*1972) basieren auf einer Mischung aus Zeichnung und Fotographie. Fotographische Vorlagen werden von ihr präzise manipuliert oder auch grob übermalt. Eigene Aufnahmen, vorhandene Fotomaterialien oder Fotomontagen von Werbematerialen dienen als Grundlage für ihre Bilder, die häufig eine Frauengestalt als Protagonistin haben. Während ihrer Ausbildung an der Haute école d’art et de design in Genf begann Seol, mit fotographischen Techniken zu experimentieren, fasziniert vom imitierenden Ausdruck des Mediums Fotographie und dessen Verfremdungspotenzial. Im Gegensatz zur verbreiteten Rezeption von Fotographie als vielfach reproduzierbares Medium, erhalten ihre Fotos durch die darüber gelegten Zeichnungen einen singulären, individuellen Charakter. Der spielerische Transformationsprozess der Figuren durch kontext- und epochenfremde „Verkleidungen“ wirkt komisch und theatralisch. Eine Fotoserie mit einem Marienbildnis, in der die ikonisierte Darstellung der biblischen Gestalt nach Vorbildern älterer Kunstepochen mit zeitgenössischen Ikonen der Konsumgesellschaft fusioniert wird, setzt sich mit dem Thema Idealisierung und Idol auseinander. Die Frauenfiguren in Seols Arbeiten sind gleichzeitig Sehende und Gesehene, sich Darstellende und Dargestellte. Durch die Verknüpfung von medialen und realen Bereichen untersucht die Künstlerin die Konstruktion von weiblicher Identität, indem sie zeigt, wie der Ausdruck des Selbst durch das Zitieren und die Nachahmung von medialen Bildern in Verbindung mit dem Alltäglichen entsteht, und so die erlebte mit der imaginären Welt verschmilzt. Das Verhältnis zwischen den verschiedenen medialen Vorlagen und der eigenen „Reproduktion“ oder Inszenierung verweist auf unser soziales Dasein, denn dieses befindet sich in einer Dialogsituation innerhalb der verschiedenen Zeichensysteme, in der Bilder und Narrationen von ursprünglichen Vorlagen übersetzt, adaptiert, kritisiert und neu interpretiert werden, und dadurch vielleicht einen Schlüssel zum Selbstausdruck generieren.

Obwohl Seols Fotoarbeiten sich formell stark von den körperbezogenen, performativen fotographischen Arbeiten von Cindy Sherman, Lynn Hershman Leeson, Hannah Wilke oder Francesca Woodman unterscheiden, lässt sich eine thematische Gemeinsamkeit feststellen: Der Körper als Projektionsfläche der Identität. Das Interesse am sich wandelnden Frauenbild, das immer durch die vorherrschende Schönheitsnorm, die Geschlechterrollenzuschreibungen und die dargebotene Maskerade geprägt ist, bildet den Ausgangspunkt von Seols Arbeiten. Es wäre viel zu plakativ, das Crossdressing (Mischung von verschiedenen Stilrichtungen) von Seols Figuren als Überwindung der festgelegten Geschlechterrollen oder als Aufhebung der kulturellen Verankerung zu interpretieren, denn ihre hybride Mischung belegt die Vielschichtigkeit der Identitätskonstruktion: Was hat z.B. eine Made, eine Rolex-Uhr, eine Louis-Vuitton-Tasche, Rosen und ein Zauberpilz miteinander zu tun? Seols Kunst liefert keine Erklärungen, sondern verdeutlicht die äußerste Komplexität der Repräsentation von Weiblichkeit.

 

Text by Dr. Yujin Kim